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Was mir heute niemand mehr glaubt: Früher war ich gemeinhin als Schul-Fehlstarter bekannt. Durch mein lautes Organ und meinen großen Bewegungsdrang fiel es mir schwer, stillzusitzen und zuzuhören. Und die diagnostizierte Leserechtschreibschwäche tat ihr Übriges. Außerdem trat ich durchaus auch in Fettnäpfchen. Einmal brachte ich ein Taschenmesser mit zur Schule, um im Unterricht etwas zu schnitzen. Natürlich eine Dummheit, aber mussten sie deswegen direkt die Polizei rufen? In meinem Fall schien es so zu sein, ich kam ja auch schon mit einem Gefährdungsschreiben an die Hauptschule. Meine Kumpels, die angeblich auch alle einen Knacks hatten, und ich fühlten uns, als wären wir das Letzte. Sozusagen auf dem Abstellgleis. Meiner Schwächen war ich mir damals sehr bewusst. Nicht aber meiner Stärken. Mir war nicht klar, dass ich sehr wohl schon damals welche hatte.

Ich bekam an der Hauptschule damals einen Klassenlehrer, der mir die Botschaft gab, mich weniger auf die Fächer zu konzentrieren, in denen ich besonders schlecht war, und stattdessen herauszufinden, was mir Spaß machte. In den anderen Bereichen, meinte er, sollte ich einfach schauen, dass ich irgendwie durchkomme.

So fokussierte ich mich zum ersten Mal auf das, wozu ich Lust hatte. Für mich kam da vor allem erstmal der Sport. Leichtathletik, Tennis, Schwimmen; hier konnte ich meine Energie rauslassen.

Daneben, und das war nicht weniger entscheidend, rutschte ich über meine Mitschüler*innen irgendwie in die KICKFAIR-Gruppe an unserer Schule. Hier bekam ich ganz unterschiedliche Möglichkeiten mich auszuprobieren, die ich zu der Zeit sonst wohl nie für mich entdeckt hätte.

Es war weniger das Kicken in der Pause, das mich an KICKFAIR reizte. Sondern vielmehr die Verantwortung, die mir zugetraut wurde. Anfangs wurde ich noch belächelt, war ich doch eher dafür bekannt, Mist zu bauen. Doch ich blieb am Ball und probierte mich in verschiedenen Rollen aus. Ich steckte viel Energie rein und genoss dieses Gefühl, eine wichtige Rolle auszufüllen und gebraucht zu werden. Sowohl als Teamer als auch beim Organisieren von Straßenfußballaktivitäten wurde mir klar, dass ich sehr gut mit Menschen kann. Und dass ich schon immer sehr gut mit Menschen konnte. Ich realisierte, dass ich nie unbeliebt unter meinen Klassenkamerad*innen gewesen war. Dieses neue Gefühl gab mir einen gehörigen Schub und Selbstbewusstsein.

Was bei KICKFAIR passiert, finde ich richtig spannend. Im Grunde entstehen immer neue Konflikte. Es beginnt mit dem Aushandeln der Fairplay-Regeln vor jedem Spiel, geht weiter in der Mediation zwischen den Spieler*innen und endet auch beim Organisieren nicht, denn es gibt immer unterschiedliche Ideen, wie ein Turnier gestaltet werden kann. Bei KICKFAIR wurde ich immer wieder in Situation hineingelockt, in denen ich mir meine eigene Meinung bilden und diese auch verteidigen musste – so etwas gibt es sonst in der Schule nicht. Bei mir legte es einen Schalter um, denn plötzlich war ich in einer verantwortungsvollen Rolle. Es ging nicht mehr nur um mich, sondern darum, auch für andere mitzudenken.

Aus meiner Sicht baut KICKFAIR auf den Grundprinzipien von Demokratie auf. Denn der Kern von KICKAIR ist Beteiligung. Es gibt einen gewissen Rahmen, aber viel Raum für die Spielenden, das Spiel selber mitzugestalten.  So sind die Diskussionen in der Dialogzone und das Teamen nichts anderes als ein Werteaustausch. Jede Meinung ist wichtig und die Gespräche finden auf Augenhöhe statt. Alle müssen genau in sich hineinhören und dann auch verbalisieren, was ihnen wichtig ist und wo ihre Grenzen liegen. Dieser intensive Austausch findet immer wieder und gemeinsam mit vielen unterschiedlichen Mitschüler*innen statt. Unterbewusst entwickeln wir so ein gemeinsames Wertebild und wir gestalten miteinander unsere Gemeinschaft. Das schweißt zusammen und bildet ein starkes Fundament, das wir in die Breite tragen.

Als Youth Leader habe ich in den letzten Jahren Straßenfußball-Workshops an verschiedenen Schulen gegeben. Wenn ich Kids, die anfangs kaum zugehört und viel gestört haben, nach einer Weile wiedersehe und erlebe, wie sie sich entwickelt haben, nun selbst Verantwortung für Jüngere übernehmen und die gemeinsam ausgehandelten Werte verinnerlicht haben, dann macht mich das wahnsinnig stolz. Es gibt wirklich kaum ein besseres Gefühl, als sich über die Erfolgserlebnisse anderer mitzufreuen.

Die Erfahrungen aus den zahlreichen Gesprächen und Diskussionen haben mich schon immer neugierig gemacht, die Personen dahinter besser kennenzulernen. Wir haben alle sehr unterschiedliche Hintergründe und Lebensrealitäten außerhalb der Schule, egal ob es um Familie, Glauben oder Interessen und Hobbys geht. Gerade deshalb ist es wahnsinnig spannend zu hören, wie die Realitäten anderer aussehen, und horizonterweiternd, neue Perspektiven dazuzugewinnen.

Im letzten Jahr kam dann für mich nochmal eine ganz neue Dimension dazu: Ich wurde gefragt, ob ich KICKFAIR als Peace Agent auf globaler Ebene vertreten möchte. Das bedeutet, sich mit anderen Youth Leadern aus dem weltweiten Netzwerk Football-Learning-Global auszutauschen und gemeinsam Themen voranzutreiben. Da war ich erstmal total baff. Noch vor zwei Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass man mir diese Rolle einmal zutrauen würde. Natürlich war ich dabei.

Die digitalen Treffen waren für mich, wie auf Reisen zu gehen. Du schaust auf den Ozean und denkst, oh, da ist noch so viel mehr. Von zwei Mädchen aus Israel erfuhr ich, wie gefährlich und risikoreich es ist, Räume für Teilhabe zwischen Israelis und Palästinenser*innen zu schaffen. Von Youth Leadern aus Ruanda und aus Kolumbien bekam ich ein Bild, wie die Lebensrealität aussieht, wenn man sich durch Kriminalität und Gangkriege nicht frei im eigenen Stadtteil bewegen kann. Der Mut, mit dem sie sich trotzdem täglich im Straßenfußball für ein friedliches Miteinander einsetzen, hat mich umgehauen.

Bis zu dieser internationalen Erfahrung dachte ich, dass ich mir schnell einen guten Eindruck von anderen Menschen machen kann. Doch Menschen sind oft ganz anders, als man sie sich vorstellt. Erst wenn man sie näher kennenlernt, kann man beginnen zu verstehen, wie sie wirklich ticken – und was die unterschiedlichen Umstände für ihre Lebensrealitäten tatsächlich bedeuten. Diese intensiven Gespräche haben meine Perspektive nachhaltig verändert.

Von meiner Neugier getrieben hatte ich kaum Bedenken, mich trotz der Sprachbarriere einzubringen. Und tatsächlich konnte ich viel beitragen. Zum einen, weil sich viele das Leben in Deutschland ganz anders vorstellen, als es ist. Zum anderen, da ich über sehr viele Erfahrungen aus Workshops verfüge – welche Methoden funktionieren besonders gut, wie geht man in bestimmten Situationen vor, welche Kniffe können helfen – denn die Allermeisten stoßen in ihren Workshops auf dieselben Probleme. Egal ob in Deutschland oder woanders auf der Welt.

KICKFAIR bildet die Vielfalt unserer Gesellschaft tatsächlich ab und macht sie für mich erlebbar, wo ich sonst vielleicht nur in meiner eigenen Bubble unterwegs wäre. Die Möglichkeit, immer neue Perspektiven dazuzugewinnen, inspiriert mich sehr. Jetzt, wo ich mein Abitur in der Tasche habe und mich noch etwas unsicher fühle, wie mein weiterer Weg aussehen wird, bin ich mir einer Sache sicher – ich möchte auch weiterhin Vielfalt erleben, junge Menschen in Beteiligung bringen und ihre Perspektiven kennenlernen.

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