Tim
Was mir heute niemand mehr glaubt: Früher war ich als Schulstörer berüchtigt. Durch meine laute Stimme und weil ich nicht stillsitzen konnte, fiel ich unangenehm auf. Meine Leserechtschreibschwäche passte da ins Raster. Ich kam mit einem Gefährdungsschreiben an die Hauptschule, brachte eines Tages ein Messer zum Schnitzen mit und wurde damit prompt erwischt. Muss man deshalb aber gleich die Polizei rufen? Meine Kumpels und ich fühlten uns richtig mies. Wie auf dem Abstellgleis.
Irgendwann bekam ich auf der Hauptschule einen Lehrer, der mir riet, mich mehr auf das zu konzentrieren, was mir Spaß macht. Das war der Sport. In der Leichtathletik, im Tennis und Schwimmen konnte ich meine Energie rauslassen. In den anderen Fächer, so sein Rat, solle ich einfach schauen, dass ich irgendwie durchkomme. Es war das erste Mal, dass ich mir meiner Stärken bewusst wurde; vorher lag der Fokus viel mehr auf meinen Schwächen.

Immer voll dabei, wenn ihn das Thema interessierte: Tim bei den Vorbereitungen zu einem Straßenfußball-Turnier in der 7. Klasse.
Etwa zur gleichen Zeit rutschte ich irgendwie in KICKFAIR. Es war gar nicht das Kicken, das mich reizte, es waren die vielen Möglichkeiten, mich auszuprobieren. Anfangs belächelt, weil alle um meinen schlechten Ruf wussten, übte ich mich in vielen Rollen. Ich lernte, dass ich ein guter Teamer bin, ein guter Straßenfußball-Organisator, dass ich gut mit Menschen kann. Ich genoss das Gefühl, Verantwortung zu übernehmen und bekam einen gehörigen Schub Selbstbewusstsein.
Eine Erkenntnis ist dabei zentral: Ich konnte mich hier entfalten, weil mir Räume geöffnet wurden. Es gab keinen vorgezeichneten Weg. Ich hatte die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wohin ich mich entwickeln möchte, wo ich Verantwortung übernehmen möchte und kann. Genau da wurde mir Vertrauen entgegengebracht.

Auch in Diskussionen immer ein Lächeln im Gesicht: Tim beim Youth Leader Camp 2023.
Und ich bekam immer wieder die Chance, mich ganz aktiv einzubringen. Der Kern von KICKFAIR ist Beteiligung. Es gibt einen Rahmen, der viel Spielraum bietet, um selbst zu gestalten. Unbewusst entwickeln wir so ein gemeinsames Wertebild und gestalten unser Zusammenleben gemeinsam. Dabei müssen alle genau in sich hineinhören und dann auch verbalisieren, was ihnen wichtig ist und wo ihre Grenzen liegen. Dieser Austausch findet immer wieder statt und bildet ein unglaublich starkes Fundament, das ganz nah an den Grundprinzipien einer gelebten Demokratie ist. Wenn ich als Youth Leader unterwegs bin und Kids nach einer Weile wiedersehe und erlebe, wie sie sich entwickelt haben, nun selbst Verantwortung für Jüngere übernehme und wie sie die gemeinsam ausgehandelten Werte verinnerlicht haben, dann macht mich das wahnsinnig stolz.


